Monats-Special

Arbeiten 4.0 - Überrollt unsere Gesellschaft gerade ein Zug?

Apropos Zug. Ich sitze in einem sehr schnellen ICE. Wir haben die 300 km/h Marke gerade geknackt und fahren gegen eine 9 Minuten Verspätung an. 

Der Zug ist gut besetzt und meine Mitreisenden sind entspannt. Ich frage mich gerade, wie es wohl auf der Autobahn aussieht. Die Frage wird sehr schnell geklärt, denn ich erhasche einen Blick auf die A3. Verheerend. Stau. 

Da versuchen Tausende von Autofahrern zur Arbeit zu kommen. Wie seit Jahren, morgens hin, abends zurück. 

Und wir Zugreisenden? Auch wir sind in Bewegung, zugegeben etwas produktiver, denn die Zeit im Zug kann man inzwischen Dank eines tatsächlich funktionierenden WLANs gut für das Abarbeiten von eMails oder Erarbeiten und Versenden von Präsentationen nutzen. 

Trotzdem - Ist das eigentlich noch zeitgemäß? Alles tun, um von A nach B zu kommen?

Wir lesen überall den Begriff „Arbeiten 4.0“. Unsere Arbeitsministerin hat dazu 2015 ein Grünbuch herausgegeben, das die Trends, den Wertewandel und die Herausforderungen für unsere Gesellschaft beleuchtet.  Immerhin. 

Unser Wirtschaftsminister versteht unter Digitalisierung einen Roboter, der ihm ein Bier aus dem Kühlschrank holt, so dass er nicht von der Couch aufstehen muss. 

Ich frage mich, ob es unserer Gesellschaft und dabei wesentlichen Teilen unserer politischen und gesellschaftlichen Führungskräfte überhaupt klar ist, was da wirklich an Chancen und aber auch an Risiken auf uns zu rollt?

Wir können Reisezeit dank Heimarbeitsplätzen enorm reduzieren, also Staustehen vermeiden und Energie sparen, vorausgesetzt die Betreiber von privaten und öffentlichen  Rechenzentren, neudeutsch Private und Public Cloud Provider haben einen „grünen Daumen“ - also auch ein Verständnis für Green IT, wie man das Sparen von Energie in der IT heute nennt.

Wir optimieren Prozessketten und machen sie „agil“. 

Unsere Investitionsgüter melden sich selbständig, wenn der Verschleiß zu groß wird.

Unser Kühlschrank Marke „Weightwatcher Edition“ zeigt an, was neu zu bestellen ist und verschließt sich automatisch nach 20:00 Uhr, weil die Waage ihm diesen Befehl gegeben hat. 

Nun ja, ganz so weit sind wir in der Tat noch nicht. Aber nicht, weil wir nicht könnten, sondern weil es entweder dafür keinen oder einen zu kleinen Markt gibt.  

Also regelt alles der Markt? 

Nein. Das darf nicht sein. Und das ist für mich genau der Punkt.  

Digitalisierung ist kein Selbstzweck des Marktes, nicht nur ein Angebot von witzigen Gadgets oder eine Plattform zur Selbstdarstellung und auch kein Aufruf zu noch mehr Faulheit und Adipositas auf der Couch.  

Digitalisierung kann und sollte (Achtung Pathos) zum Wohle des Menschen und der Umwelt eingesetzt werden; in der Medizin, in der Landwirtschaft, in der Logistik, im täglichen Arbeitsleben.  


Diese Veränderungen müssen professionell vorbereitet und begleitet werden, damit sie werthaltig sind. 

Sei es durch eine moderne Gesetzgebung, die u.a. auch den flächendeckenden Ausbau von Glasfasernetzen regelt und der Abdeckung von „Milchkannen“ vielleicht sogar einen Paragrafen widmet, aber auch durch das Zulassen sozialpolitischer Gedanken, wie z.B. der Frage nach einem Grundeinkommen zur Vermeidung von sozialen Unruhen, wenn Routineaufgaben für Menschen wegfallen. 

Diese Fragen sind intensiv und fachkundig zu untersuchen und nicht polemisch und oberflächlich und zwecks Lagerbildung politisch auszuschlachten.

Das setzt eine gewisse Reife in Politikerkreisen voraus.

Es bedarf aber auch der Reife von Unternehmen, die sich ihrer Verantwortung gegenüber Mitarbeitern bewusst sind, denn dort werden neue Arbeitsmodelle eingeführt, die die Arbeit an sich unter dem Aspekt „anytime, anywhere“ neu schneiden.

Freizeit wird mit wirtschaftlichen Tätigkeiten vermischt, eben weil man von zuhause, im Flugzeug oder in der Bahn arbeiten kann. 

Wir haben jetzt die Chance, dass unsere Arbeitstage flexibler gestaltet werden können, dass wir uns Freiräume, gerade interessant für Mütter und Väter, schaffen. 

Auch hier muss der Gesetzgeber den neuen Rahmen dafür bieten. 

Als Führungskräfte werden wir ebenfalls stark gefordert.

Führen hieß bislang Hierarchien leben, doch mit unabhängigen und freiheitsbewussten Mitarbeitern und Freelancern muss auch ein anderer Führungsstil her. Autoritärer Führungsstil ist in agilen Teams komplett überholt.

Führungskräfte werden sich in Zukunft nicht mehr über ihren bloßen Rang Respekt einholen, sondern über ihre Fähigkeit zu moderieren, fachlich und menschlich zu überzeugen und darüber, Arbeitsumgebungen und ein Klima zu schaffen, das Kreativität zulässt. 

Wir haben es also bald mit dem Unternehmen und dem Manager „4.0“ zu tun, der in der Arbeitswelt neue Wege gehen muss.

Es werden spannende Zeiten. Nicht jeder wird damit klarkommen. 

Aber wir als Gesellschaft, als Gesetzgeber und als wertschöpfender Mitarbeiter oder Unternehmer müssen auf intelligente Fragen auch intelligente Antworten finden.

Digitalisierung ist eben so viel mehr als das Arbeiten von zuhause oder das Bier vom lieben Roboter. 

In diesem Sinne … Prost.   

Autor: Beate Wentzel, Dezember 2018


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